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Der letzte Überrest einer proletarischen Vergangenheit verschwindet
Kurz
vor der Kreuzung Valentinskamp - Caffamacherreihe befindet sich dieser Durchgang
zu einem Hinterhof. Gegenüber auf der anderen Straßenseite steht das
Unilever-Hochhaus. Für den Bau dieses Hochhauses wurde in den frühen sechziger
Jahren der letzte Überrest des Hamburger Gängeviertels abgerissen. Der
Valentinskamp war vor dem letzten Krieg wesentlich schmaler als heute. Bis in
die zwanziger Jahre lag zwischen Michaelisstraße und dem Valentinskamp ein Netz
enger Gassen, dass im Volksmund als Gängeviertel bezeichnet wurde. In einer
Broschüre von 1910, die für den Heimatkundeunterricht an Schulen gedacht war,
wird dieses Gebiet beschrieben: 'Um Licht und Luft eindringen zu lassen, legte
man erst die Wexstraße quer hindurch und später noch die Kaiser-Wilhelm-Straße.
Diese Gegend hat trotz allem eine Menge eigenartiger Reize. Das Zusammenleben
der Menschen hat hier noch etwas Dörfliches an sich. Da sie so eng beieinander
wohnen, dass oft nur dünne Holzbretter sie trennen, da es sich lediglich um
Leute aus den ärmeren Volksklassen handelt ,
die von der Not der Zeit zuerst und ziemlich gleichmäßig berührt werden und da
die Mieter vielfach sehr lange in der Wohnung bleiben - noch heute [1910] kommt
es vor, dass in den Buden oder Sählen alte Leute hausen, deren Eltern schon dort
geboren wurden -, so kennt jeder die Verhältnisse des andern sehr genau und
nimmt Anteil daran im guten und im schlechten Sinne. Eigenartig wie das
Zusammenleben dieser Menschen ist auch ihre Umgebung. Da sich der Weg
fortwährend windet, so erblickt das Auge bei jedem Schritt ein anderes
malerisches Bild. Dazu kommt noch, dass auch die einzelnen Häuser als solche
auffallen. Sie sind alt und schief, aus hölzernem Fachwerk mit Ziegelfüllung
errichtet. Und alle haben sie ein Dach, das schon von weitem zu sehen ist; die
Dächer namentlich schieben sich zu interessanten Stellungen zusammen, und jeder
weitere Schritt, den wir in dies sonderbare Land hineintun, zeigt sie uns in
einem andern Verhältnis. [...] Unsere Zeit pflegt besonders die Volksgesundheit:
Licht und Luft müssen überall hineindringen
können; deshalb werden die neuen Straßen breit angelegt und
Lichthöfe hinter und zwischen den Häuser vorgeschrieben. Die alten Straßen aber
werden nach Möglichkeit breiter gemacht oder gänzlich beseitigt. Dabei geht aber
auch der Hauch von Poesie verloren, der diese alten Gänge und Häuser umweht'.
Der weiter unten abgebildete Plan gibt den
Straßenverlauf im Gängeviertel im Jahr 1910 wieder. In dem Gebiet, das durch
Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße begrenzt wird, hat sich bis
heute ein letzter Überrest des Gängeviertels erhalten. Es handelt sich um zwei
Gewerbehöfe, die zwischen 1860 und 1870 errichtet wurden. An den Bauten ist seit Jahrzehnten
nichts verändert worden. Zugänglich ist das Gebiet vom Valentinskamp durch zwei
Hofeingänge direkt gegenüber dem Unilevergebäude. Wer diese Atmosphäre
unverfälscht erleben möchte, muss sich beeilen. Im Mai 2005 beginnt die
Umnutzung und Umgestaltung.
Vorbild für das ganze Unterfangen sind die Hackeschen
Höfe in Berlin. Auch wenn das Hamburger Abendblatt titelte - 'Investor will das
Gängeviertel wieder aufbauen' - mit dem historischen Gängeviertel wird diese
Gegend dann nur noch den Namen gemeinsam haben.
Aber eine wachsende Stadt ist kein Museum - und seltsame Orte entstehen immer
wieder neu.
   
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