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2. Teil - Aus dem Reisetagebuch eines französischen Studenten über seinen Aufenthalt in Wilhelmsburg - 1954.

Heute führte mich ein Spaziergang in den Osten der Insel. Ich war überrascht.
 Man fühlt sich plötzlich auf dem Lande - keine Stadt scheint in der nähe zu liegen. Bauernhäuser, Obstgärten, Felder, eine alte Windmühle, zurückgezogene Villen mit verwilderten oder sorgfältig gepflegten Gärten: Hier hat die Insel noch ihr altes Gesicht bewahrt und man begreift plötzlich ihre Eigengesetzlichkeit, ihr Selbstbewußtsein und ihre Tradition.

Wilhelmsburg hat seine Geschichte, hat ein eigenes Wappen und bestimmte alteingesessene Familien. Auf eine unerklärliche Art spürt man diesen Geist in all dem Durcheinander noch heraus und sei es nur in dem Stolz, ein "alter" Wilhelmsburger zu sein: Die Einwohner selbst mögen auf ihre Insel schimpfen, aber sie dulden nicht, daß ein Fremder es tut.

Die Bevölkerung besteht überwiegend aus Arbeitern, wirtschaftlich geht es ihnen besser, als den französischen. Von Ausnahmen abgesehen haben sie gut eingerichtete, oft geräumige und sonnige Wohnungen. Möge diese roten Backsteinkasernen auch äußerlich nicht gerade eine Augenweide sein(ich traf übrigens viele Leute, die sie schön finden),- auf jeden Fall sind sie gesund, hygienisch, nicht dunkel und beengt, sondern mit Grünflächen, Bäumen und Kinderspielplätzen dazwischen. An freien Tagen oder nach Arbeitsschluß beschäftigen die Bewohner sich oft auf einem kleinen Stückchen gepachteten Lands, wo sie Hühner und Kaninchen halten oder Gemüse anbauen.- Man arbeitet viel und unterscheidet streng zwischen Arbeit und Vergnügen. Beides wird mit dem gleichen Ernst betrieben.

Stets ziehen die Vorstädte entweder die Armen an, die sich eine Wohnung in der Stadtmitte nicht leisten können, oder die Reichen, die sich eine Villa ins Grüne pflanzen. Das Innere einer Stadt zeigt meistens ein offizielles Gesicht, die Extreme findet man an ihrem Rande. Wilhelmsburg ist, von Ausnahmen abgesehen, ein Viertel der "Kleinen Leute". Trotz des, an unseren Verhältnissen gemessenen, deutlich höheren sozialen Niveaus, gib es noch viel wirkliche Armut. In den abschüssigen Straßen an den Ufern der Kanäle drängen sich noch düstere und elende Mietshäuser aneinander, baufällig und verwohnt mit schwarzen Brandmauern und lichtlosen Hinterhöfen. Die Ärmsten der Armen hausen, Opfer des verheerenden Krieges, in behelfsmäßigen Unterkünften, aus halbkreisförmig gebogenen Wellblechplatten zusammengefügt, vorn und hinten zugemauert,- oder in feuchten, fensterlosen Betonbunkern.

Man "feiert" viel in Wilhelmsburg und ist eigentlich nie um einen Grund verlegen. Sonnabendsnachts trifft man stets Betrunkene in den Straßen. Die Deutschen trinken seltener als wir, aber wenn sie es tun, so betrinken sie sich meist völlig.

Merkwürdige Gegensätze: Einmal glaubt man die Triebkräfte des hiesigen Lebens nur in Arbeit, Radio, Fußballplatz, Kino, und Alkohol zu sehen, - dann ist da plötzlich auf einer Wiese am Straßenrand ein Vater, der mit seinen kleinen Söhnen einen roten oder blauen Drachen zum Himmel aufsteigen läßt und dabei selbst wieder zum Kind wird,- oder Eltern, die Hand in Hand mit ihren Kindern durch die Dämmerung gehen und leise schwankende Papierlaternen vor sich hertragen. Und sie singen dazu. Laterne, Laterne, die Sonne, der Mond, und die Sterne....

Nie zuvor habe ich bei den gleichen Menschen Verwahrlosung und Spießbürgerlichkeit so eng gepaart gefunden wie in Wilhelmsburg. Hier scheint man kein Gefühl für unvereinbare Gegensätze zu haben.- Einmal ist Wilhelmsburg der typische Vorort, Ausläufer einer Weltstadt mit all ihren Schattenseiten: Die in den Straßen herumlungernden Rotten von Halbwüchsigen, aufdringliche, vergnügungssüchtig, unmäßig und roh, ohne persönliche Neigungen und Interessen, die grellfarbigen Kinoplakate, die lauten und geistlosen Amüsements, deren Lärm bis auf die Straßen dringt, das unartikulierte Gegröle der Betrunkenen, die aufgelöste Moral und der mangelnde Respekt sind typische Charakterzüge der anonymen und gesichtslosen Vorstadtbevölkerung.- Und gleichzeitig ist Wilhelmsburg die spießbürgerlichste Kleinstadt, die man sich vorstellen kann.- Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, Kleinstadt mit ihrem Klatsch und ihren Tabus, Kleinstadt, in der zum Beispiel ein Franzose nicht vierzehn Tage lang leben kann, ohne daß es alle Welt weiß. Niemand kann hier untertauchen und unbeobachtet bleiben. Wilhelmsburg ist eine jener Städte, in denen man einen "Ruf" hat. Nur, das man hier mit anderen Maßstäben mißt, als anderswo. Fast jeder Bürger gehört einem oder mehreren Vereinen an, einen Sport- oder Kegelclub, einem Kaninchenzüchter-, Gesangs- oder Gartenverein, von denen es hier eine Unzahl gibt. Einige der älteren Einwohner bemühen sich mit rührender und opferbereiter Aktivität um die Erhaltung der überlieferten Werke und um die Förderung einer Art kulturellen Lebens.- Unverständliches Land, Insel der tausend Widersprüche......

Das war der letzte Spaziergang in Wilhelmsburg, - ein nasser, nebliger Abend. Inge fror und sie tat ihre kleine Hand zu der meinen in die Manteltasche, um sie zu wärmen. Mit hochgeschlagenem Mantelkragen klapperte ein Radfahrer dem Lichtfleck seiner Lampe nach, der wie ein gehetzter Hase vor ihm über das feuchte Pflaster sprang. "U-we", rief eine Frau in die Dunkelheit hinaus, langgezogen und schläfrig sank der verlorene Laut in gleichmäßigen Abständen in den Abend. Wir gingen die Straße hinauf zwischen den vielen Fenstern, hinter deren Tüllgardinen, träge dickbäuchige Deckenampeln im Dämmerlicht schwammen, leuchtenden Fischen gleich, die man durch die Wände ihrer Aquarien betrachtet. Und ich dachte mir, daß doch eigentlich hinter allen Fenstern auf der ganzen Welt das gleiche Leid und das gleiche Glück zu Hause sind. An einem Brückengeländer verweilten wir. Der Kanal stank, aber das machte nichts. Vom Güterbahnhof trug der Wind das Rumpeln und aufeinander klirren der Waggons herüber. Eine Lokomotive schrie ihren wilden, wehen Schrei in den Himmel. Irgendwo am Horizont zuckte der Widerschein einer großen Flamme durch den Nebel. Inge suchte etwas am Himmel. "Keine Sterne", sagt sie bekümmert. "Aber wenn hier die Sterne scheinen", fuhr sie fort und streichelte meine Hand, "dann sind es die gleichen, die auch über Paris leuchten".- Das wunderte mich einen Augenblick lang. Aber sie hatte recht, wie immer. zurück zum Tourenüberblick