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Zeitspuren
Wir machen Geschichte
begreifbar |
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Schon der Inselcharakter sondert es ab und gibt ihm Äußerlich eine gewisse Geschlossenheit und Eigengesetzlichkeit. Was einem dann freilich zwischen den beiden Elbarmen vor Augen kommt, erscheint als ein geradezu chaotisches Durcheinander. Merkwürdige Insel, merkwürdige Bewohner ..... Oft hängen Mütter mit einer besonders zärtlichen Liebe gerade an ihren mißratenen Kindern, und das mag es wohl gewesen sein, was die Elbe bewog, dieses trostlose Land in ihre Arme zu schließen. Eine öde weite Fläche, durchzogen von schnurgeraden Verbindungsstraßen, ölschillernden, stinkenden Kanälen und verlorenen Bahngleisen,- verzwickte Labyrinthe von Schrebergärten mit armseligen Hütten, schwarzgeteerten Taubenställen und einem unmöglichen Gewirr von Antennen, Wäscheleinen und Lichtmasten,- irgendwo inmitten endloser Wiesen plötzlich eine fünfstöckige Mietskaserne,- hier die roten Backsteinhäuser sich zu städtischen Wohn- und Geschäftsstraßen verdichtend,- dort vor dunstigem Himmel aufragende Öltanks, riesige Schornsteine und Fabrikhallen,- dazwischen weite, leere Flächen, strohgedeckte Bauernhäuser und sumpfiges Schilfgelände, über das ein Schwarm von Enten hinwegstreicht:- Das ist Wilhelmsburg. Man kann nicht
einmal sagen das dieses unorganische Durcheinander eine Disharmonie ergäbe.
Mißklang entsteht durch eine gestörte Ordnung oder Harmonie: So wie man durch
das Anschlagen der höchsten und der tiefsten Saite eines Musikinstrumentes keine
Dissonanz erzeugen kann, weil das Ohr nur zwei einzelne Töne wahrnimmt, die
nichts miteinander zutun haben, so fühlt sich auch das Auge durch die völlige
"Stillosigkeit" Wilhelmsburgs kaum beleidigt. Wilhelmsburg ist nicht
unharmonisch, Wilhelmsburg ist absurd. Es liegt sozusagen jenseits von Schön und
Häßlich. Und das gibt ihm einen gewissen Reiz. Die um die Jahrhundertwende erbauten Mietskasernen tragen auf ihren Fassaden die merkwürdig gewundene Ornamentik zur Schau, die damals in Mode war,- einige sind mit kachelähnlichen, glasierten Steinen verkleidet, die einmal gelb, weiß oder blau waren, ähnlich den Steinen, mit denen die Schächte der Pariser Metro ausgemauert sind. Die später errichteten Wohnblocks sind von einem verwaschenen rot, ein befremdender Anblick, an dem man sich erst gewöhnen muß: Man verfügt hier nicht so reichlich über Naturstein wie bei uns, daher ist man - falls die Fassaden nicht mit Zement verputzt werden - auf gebrannten Ziegel angewiesen. Auch die spitz zulaufenden Dächer mit den sauber darauf angeordneten Schornsteinen sind rot. Ein Haus sieht aus wie das andere, langgestreckt, drei- oder vierstöckig mit Fenstern ohne Läden. So ziehen sie sich in geraden Reihen die Straßen hinab, langsam grau und unansehnlich. Was die Heuschrecken in Afrika, daß ist der Ruß in Wilhelmsburg. Es gibt Tage, an denen man ohne Gefahr an einem weißgededeckten Tisch und mit frischem Oberhemd im Garten das Frühstück einnehmen kann. Aber schon am nächsten Morgen sinken feine, schwarze Flocken vom Himmel, lassen sich auf der weißen Oberfläche der Milch nieder, kriechen in Kragen und Manschetten und verteilen sich gleichmäßig auf das Tischtuch. Die Hausfrauen scheinen eine untrügliche Witterung für Rußfreie Tage zu haben,- sonst könnten sie ihre Wäsche von der Leine nehmen und gleich wieder in den Waschzuber werfen. Ähnlich verhält es sich mit den Odeurs. Es gibt Tage, an denen irgendeine Fabrik mit ihrem penetranten Duft die Atmosphäre beherrscht. Ein echter Wilhelmsburger kann diese Gerüche genau unterscheiden und ist daher immer über die Windrichtung orientiert. Einige behaupten sogar, selbst bei Dunkelheit sei es überflüssig, daß die Strassenbahnschaffner die Stationen ausrufen: Man könne sie riechen. Zu dieser Perfektion habe ich es allerdings bisher noch nicht gebracht. Hier und da haben sich die Häuser aus nicht mehr aufzufindenden Gründen zu dichtbebauten Vierteln zueinandergeflüchtet. Um von einer dieser weltverlorenen steinernen Inseln zur kilometerweit entfernt liegenden anderen zu gelangen, muß man durch ödes Weide- oder Brachland laufen. Zuweilen hat die Landschaft etwas wirklich Groteskes, es scheint hier nichts zu geben, das sich nicht miteinander vereinen ließe: Ohne auf das Land unter sich Rücksicht zu nehmen, spannen die eisernen Masten einer Überlandleitung ihre Kabel in den Himmel, hinweg über Wohnviertel, Kanäle, Fabriken, Schrebergärten, Weiden und Bauernhäuser. Zwischen Grabsteinen und Kreuzen, mitten durch den Friedhof, ziehen sich die Gleise einer Industriebahn,- Und immer wieder begegnet man inmitten weiten, unbebauten Landes unvermutet einer hochgeschossigen Mietskaserne mit fensterlosen Brandmauern, die irgendeine längstvergessene Planung einmal hierher stellte und die nun seit Jahrzehnten, vom Alter geschwärzt, auf Gesellschaft wartet. Endlos scheint die Insel, weit und eben ... An hellen, regnerischen Tagen erwecken die unzähligen Gräben, die Bracks, die kleinen Kanäle und die tausend über das Land ausgestreuten Pfützen, in denen das silberne Licht sich spiegelt, den Eindruck, als hätte jemand den Himmel in Scherben geschlagen und als blinkten nun ringsum seine hellen Splitter aus der dunkleren Ebene. Der Qualm der entfernten Fabrikschornsteine hält sich träge, reglos fast, vor dem nebligen Grau des Himmels und sinkt dann, vom Regen beschwert, zu Boden. Wild und klagend brüllt ein Dampfer vom Strom herüber, ein gefesseltes Tier, das an seiner Kette zerrt.- Wer hier geboren wurde, wird das Land lieben,- für einen Fremden ist es schwer, hier heimisch zu werden. |
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